Interessantes aus Dixis Welt
Hündchen Dixi und sein Herrchen stellen sich vor
mehr ...
Gedicht des Monats
Oh Täler weit, o Höhen ...
mehr ...
EduMed-Gütesiegel

Der Kamelfelsen

Die Tiere des Tales wenden eine Katastrophe von ihren Artgenossen und von den Menschen ab. Sie haben die Gefahr noch rechtzeitig erkannt und handeln, während die Menschen völlig arglos sind und dieses Unglück überhaupt erst durch ihr Verhalten heraufbeschwören.

Fuchs Theodor war ein besonders schönes Tier seiner Gattung. Er wohnte in einem Höhlensystem am Hang einer tiefen Schlucht, die der Fluss über Jahrhunderte in das Gestein gefräst hatte.
Viele kleine Bäche trugen das Wasser herbei und ergossen sich in den Fluss, der in der Zeit der Schneeschmelze zu einem reißenden Strom anschwoll.
In früheren Zeiten lebten die Menschen mit den Bächen und Flüssen, kannten deren Eigenarten und ertrugen Überschwemmungen und Trockenperioden. Doch später störten die Gewässer mit ihrem Eigensinn die Menschen immer mehr. Hochwasser war lästig und gefährlich und je mehr die Menschen die Flussufer bebauten, desto mehr war mancher Bach einem Parkplatz oder einer Straße im Wege und desto weniger Platz hatte das Wasser.
Nur rettungslose Romantiker saßen noch träumend am Ufer eines Baches und erfreuten sich am Tanz der Wassertröpfchen.
Die Bäche wurden in enge Röhren gezwängt, die man mit Erde zuschüttete. So sparte man Brücken und konnte Straßen und Parkplätze für die vielen, vielen Autos bauen, deren es immer mehr gab.

So war es auch vor dem Ferienhaus geschehen, in welches Herr Drachau und Dixi in diesem Sommer einzogen. Ein riesiger Parkplatz am Hang hatte Wiese und Feld mit hässlichem Asphalt zugedeckt. Wenn es regnete, dann konnte das Wasser nicht mehr versickern, sondern schoss in kräftigen Strömen über den Asphaltplatz, um dann ungebremst die steilen Hänge der Schlucht hinab in den Fluss zu stürzen. Es riss Steine und Grasbüschel mit sich und unterspülte immer mehr auch die großen Felsbrocken, die seit Jahrtausenden hier ruhten.

Mit wachsender Sorge sah Theodor jeder Schneeschmelze im Frühjahr und jedem heftigen Sommergewitter entgegen. Er beobachtete immer deutlicher, dass sich die Gesteinsmassen des Westhanges verschoben und einige Felsen tiefer und tiefer unterspült wurden. Besonders der große graue Kamelfelsen (Theo nannte ihn so, weil er zwei Höcker hatte, fast wie ein Kamel) neigte sich bereits bedrohlich dem Abhang zu.

Die Menschen bemerkten es nicht. Sie hatten gerade in diesem Sommer neue Spielchen entdeckt: So spannten sie Seile über den Fluss und kletterten daran über den Abgrund auf die andere Seite. Warum liefen sie nicht über die Brücke gleich nebenan? Oder sie fuhren im Schlauchboot den reißenden Fluss hinunter, was mühevoll, kräfteraubend und obendrein noch sehr gefährlich war. Wozu hatten sie erst vor wenigen Jahren eine breite Straße neben den Fluss gebaut? Nun, es war gerade besonders modern, ohne Not ganz unsinnige und gefährliche Dinge zu unternehmen und damit sogar zuweilen sein Leben aufs Spiel zu setzen. Warum sie das taten? Theodor verstand es nicht. Er kannte das Leben und Sterben jeden Tag um sich herum, folgte seinem Instinkt und begab sich nur dann in Gefahr, wenn es unumgänglich war.

Eines Abends machte Theo seinen üblichen Rundgang. Er schnürte durch die Wiese, lief über den Parkplatz, wobei er einen großen Bogen um die stinkenden Autos schlug. Hinter dem Haus stand ein Behälter, in den die Leute ihre Küchenabfälle warfen. Theo sprang mit einem Satz hinein und suchte nach ein paar köstlichen Happen. Dann stolzierte er langsam am Ferienhotel vorbei. Natürlich wusste er, dass die Urlauber auf ihren Balkonen ihn gleich bemerken würden - und ein wenig eitel war er schon.
"Oh, seht mal! Ein Fuchs! Ein richtiger Fuchs!", riefen sie begeistert und holten ihre Kindern von den Fernsehern weg.
"Da! Da unten auf dem Parkplatz!"
Theo genoss die erstaunten Blicke und wartete. Und tatsächlich: Ein Mann warf ihm einen fetten Wurstzipfel zu. Theo schnappte zu und verspeiste ihn genüsslich. Dann setzte er seinen Weg fort.

Am Kamelfelsen ließ er sich nieder und schaute zum Himmel. Noch war der Himmel tief blau und die Luft war ruhig, aber einige kleine Cumuluswolken, wie Zinnen auf einer Burgmauer aufgereiht, verhießen nichts Gutes. Theo sog die würzige Abendluft durch seine Nase und schaute sich unruhig um.
Er spürte: Heute Nacht würde es ein Unwetter geben. Besorgt betrachtete er den Kamelfelsen. Es schien ihm, als hätte dieser sich wieder ein erhebliches Stück nach vorn geneigt, so als wolle er sich vor dem Fluss verbeugen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn der Felsen in die Schlucht stürzte! Er würde Steine, Sträucher und Bäume mit sich reißen und schließlich in den Fluss poltern und dem Wasser den Weg versperren. Es würde sich zunächst anstauen, um sich dann als Flutwelle über den unteren Teil der Klamm zu ergießen und sich neue Wege zu bahnen. Wehe allen - Menschen wie Tieren - die sich um diese Zeit in der Schlucht aufhielten! Sie würden einfach hinweggespült und jämmerlich ertrinken, denn sie hätten keine Chance, sich über die steilen, oft überhängenden Felswände der Schlucht in Sicherheit zu bringen.
Theodor sorgte sich weniger um die zahllosen Touristen, die jeden Tag plappernd und lärmend über glitschige Treppen und Brücken die Schlucht entlang wanderten. Er hatte viel mehr Angst um die vielen Tiere, die diese Klamm bewohnten.
Nochmals umkreiste er den Felsen und beschloss, in dieser Nacht besonders wachsam zu sein.

"Was für ein herrlicher Abend!"
Herr Drachau ließ sich seufzend in einen Gartenstuhl auf der Terrasse fallen und gönnte sich ein Gläschen Bier.
"Morgen wird das Wetter wieder wundervoll werden!"
Dixi war nicht seiner Meinung:
"Heute Nacht gibt es ein Gewitter, ich spüre es, wuff."
Und wie zur Bestätigung zuckte ein Wetterleuchten über den Himmel.
"Du magst Recht haben",
meinte Herr Drachau nachdenklich. Er hatte schon oft erlebt, dass sein Hund eine viel bessere Wettervorhersage lieferte als der Wettermann im Fernsehen mit all seinen Satelliten und Wetterstationen. Wie er das nur machte?
"Das Fenster zum Schlafzimmer können wir trotzdem weit offen lassen. Die Terrasse ist überdacht, da kann es nicht hineinregnen.",
meinte Herr Drachau und schaute zum Himmel.

Die Wolke wuchs und wuchs. Noch vor einer halben Stunde war sie ganz klein und unscheinbar gewesen. Jetzt türmten sich die Wassertröpfchen höher und höher, mitgerissen von einer kräftigen Luftströmung, die aus der Hitze des Tages entstanden war. Nun sah die Wolke schon fast wie ein riesiger Pilz mit einem gewaltigen Hut aus. Im Inneren der Wolke trieben Aufwinde fallende Regentropfen wieder nach oben in große Höhen, wo sie zu Hagelkörnern gefroren. Fielen sie nach unten, wurden sie wieder und wieder nach oben getragen und wuchsen mit jedem Aufstieg weiter an. Dieses Spiel dauerte an, bis schließlich die Hagelkörner zu schwer wurden, um noch vom Winde getragen zu werden. Sie stürzten zur Erde, begleitet von einer plötzlichen Sturmböe. Ein Blitz entlud sich zwischen Wolke und Erde und ein gewaltiger Donnerschlag folgte. Das Gewitter begann.
Sturzbäche ergossen sich über den Parkplatz und rissen Sand, Steine und Zweige mit sich.

Theo schmiegte sich schutzsuchend in eine Mulde am Hang. Jetzt konnte er nichts tun als warten. Schon dämmerte der Morgen herauf, aber das Gewitter tobte noch immer. Doch dann - so plötzlich wie es begonnen hatte - hörte es auf. Die Luft war frisch und kühl und Theo atmete tief durch.

Dann sah er es. Unterhalb des Kamelfelsens hatte sich ein tiefes Rinnsal gebildet. Wie lange noch würde sich der Felsen am Hang halten? Bald begann der Tag, die Klamm würde sich wieder mit Menschen füllen und die Tiere würden auf Futtersuche gehen. Aber niemand außer Theo ahnte die Gefahr. Was sollte er tun? Theo überlegte verzweifelt.
Wen konnte er um Rat bitten? Da fiel ihm ein: Vor einigen Tagen war ein grüner Hund hier angekommen, der mit seinem Herrn Urlaub machte. Seinen Namen wusste Theo vom Baum-zu-Baum-Nachrichtendienst: Dixi von Siebenbürgen. Dieser Hund war Mitglied des Höheren Hunderates und war für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bekannt. Theo beschloss, ihn um Rat zu fragen.
Er rannte zum Haus hinauf , schlich zur Terrasse und witterte den Geruch von Mensch und Hund.
Wie sollte er Dixi, der im Haus schlief, auf sich aufmerksam machen?
Theo überlegte nicht lange. Er betrat die Terrasse. Die Schwingtür quietschte hässlich und Theo erschrak. Dann aber setzte er entschlossen zum Sprung an.

Herr Drachau schlug die Augen auf. Hatte nicht gerade die Terrassentür geknarrt? Er sah zum Fenster und fuhr tief erschrocken auf: Am Fenster zeigte sich ein großer, dunkler Schatten.
"Ein Einbrecher!", dachte Herr Drachau, stürzte zum Fenster und schlug es zu mit dem lauten Ausruf: "Was ist denn hier los?".
Dann rief er Dixi: "Schnell, schalte das Licht an!" und spähte auf die Terrasse hinaus. Aber er konnte niemanden sehen. Hatte der Schatten nicht zwei spitze Ohren gehabt? Oh, das war kein Einbrecher, sondern vielleicht ein Tier, ein Fuchs?
Während Herr Drachau am Fenster stand spürte er neben sich etwas Warmes. Er sah zur Seite und fast wäre ihm das Herz stehengeblieben. Direkt neben ihm auf dem Fensterbrett, hinter der Gardine, saß ein großer, stattlicher Fuchs und schaute ihn genauso erschrocken an. Herr Drachau wich entsetzt in den Raum zurück.
"Dixi, was soll ich machen?"
"Schnell, öffne das Fenster wieder!", schrie Dixi.
Herr Drachau öffnete das Fenster und trat blitzschnell wieder zurück.
Der Fuchs lugte hinter der Gardine hervor und sah Herrn Drachau vorwurfsvoll an. Dann blinzelte er Dixi zu, balancierte zum offenen Fenster und verschwand mit einem hohen Sprung in der Nacht.
Herr Drachau stand noch minutenlang wie gelähmt da und konnte es nicht fassen. Ein Fuchs in seinem Schlafzimmer! Und beinahe hätte der Fuchs ihn gebissen! Bestimmt hatte der die Tollwut!
Dixi versuchte ihn zu beruhigen:
"Wir lassen das Fenster für den Rest der Nacht geschlossen. Und ich gehe jetzt hinaus und schaue nach, ob der Fuchs wirklich verschwunden ist."
"Dixi, bleib hier!", rief Herr Drachau. "Der Fuchs könnte dich beißen!"
"Keine Sorge, ich pass schon auf", antwortete Dixi und glitt schnell zur Tür hinaus, bevor Herr Drachau weitere Einwände vorbringen konnte. Natürlich hatte er bemerkt, dass der Fuchs ihm etwas mitteilen wollte. Er lief hinüber zu den drei Tannen und wartete. Ganz geheuer war ihm die Sache nicht, denn Füchse und Hunde mögen sich nicht besonders gut leiden. Aber wenn der Fuchs sogar in ein Haus eindrang, dann musste etwas ganz Besonderes passiert sein.

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich neben ihm der Fuchs auf.
"Ich grüße dich, Dixi von Siebenbürgen! Mein Name ist Theodor von der Breitach", begrüßte er ehrerbietig den Hund.
"Warum willst du mich sprechen und riskierst dafür Kopf und Kragen?", fragte Dixi.
Theo erzählte kurz von der drohenden Katastrophe und beide eilten zum Felsen. Fieberhaft überlegten sie, was zu tun sein.
"Ich hab's!", rief Dixi. "Wir bringen den Felsen selbst zum Absturz, und zwar noch in dieser Nacht! Die Tiere der Schlucht können wir vorher warnen, und Menschen halten sich nachts nicht in der Klamm auf. So kommt niemand in Gefahr. Aufhalten können wir den Felssturz ohnehin nicht mehr."
Der Fuchs rief seine Frau: "Sorge dafür, dass sofort Alarm ausgelöst wird. Bei Sonnenaufgang wird der Felsen hinunterstürzen!"
Die Füchsin wusste was zu tun war und eilte davon.

Dixi und Theo betrachteten den Felsen aufmerksam.
"Wir müssen hier vorn - siehst du? - den Felsen nur noch ein wenig mehr unterhöhlen und er wird ins Rutschen kommen."
Theo zeigte auf eine Erdrinne am Fuße des Felsens. "Das wird gefährlich für uns, aber wir müssen es versuchen."
Sie besprachen noch Einzelheiten, während die Zeit verging. Schon zeigte sich die Sonne am Horizont. Die Füchsin erschien mit der Nachricht, dass alle gewarnt waren und die Flucht ergriffen hatten.
Dixi und Theo machten sich ans Werk und begannen zu graben, immer gewärtig, sofort zur Seite zu springen. Es dauerte nicht lange und ein knirschendes Geräusch signalisierte, dass sich der Felsen bewegte. Die Tiere brachten sich schleunigst in Sicherheit und beobachteten aus nächster Nähe, was nun passierte. Zunächst ganz langsam, dann immer schneller und schneller neigte sich der Felsen dem Abgrund zu und stürzte schließlich mit ohrenbetäubendem Krachen und Donnern zu Tale, alles mitreißend, was sich ihm in den Weg stellte.
Und es kam so, wie Theo vorausgesehen hatte: Der Felsen blockierte den Fluss, dieser staute sich höher und höher an. Es entstand ein richtiger See. Schließlich aber lief das Wasser über den Felsen, umspülte und unterspülte ihn und ergoss sich in einer Flutwelle tosend in das Tal.

Für die Presse war es eine willkommene Sensation im Sommerloch: einen solchen Felssturz in der Klamm hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben.
Viele Schaulustige pilgerten zur Schlucht und wollten sich das Naturschauspiel ansehen, aber die Klamm wurde für längere Zeit gesperrt. Die Wege und Brücken mussten erst repariert werden. Der Besitzer jammerte um seine entgangenen Einnahmen. Einige wenige Ortsansässige fragten nach den Ursachen der Katastrophe. Wie konnte so etwas passieren? Hatten die Menschen eine Mitschuld? Man lachte sie aus: So ist halt die Natur, unberechenbar und tückisch!

Und unser Held Theodor? Wie dankte man ihm seine mutige Tat?
Am nächsten Tag erschien der Jäger und stellte Fallen auf. Die Urlauber hatten sich beschwert: Ein Fuchs zum Fotografieren und Füttern, das war ja ganz nett. Aber ein Fuchs, der des Nachts in Schlafzimmer eindrang? Das konnte man nicht dulden!
Theo sah die Fallen mit einem geringschätzigen, bitteren Lächeln. Er war nicht so dumm, in einen solchen Kasten zu kriechen und sich dann vom Jäger erschießen zu lassen. Aber er hatte Angst um seine Kinder, die noch zu unbekümmert und leichtsinnig waren.
Und so machte sich seine Familie am nächsten Abend bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg. Sie stiegen weit hinauf aus dem Tal in das Karstgebiet, wo ihnen zahllose Höhlen und Gänge Schutz boten, weitab von den Menschen, die nichts, aber auch gar nichts verstanden hatten.

Herbert Drachau