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Der widerspenstige Handschuh

Das Handschuh-Sein geht nie allein!

Herr Drachau hatte sich ein Paar neue Handschuhe gekauft, weil seine alten Strickhandschuhe schon arg zerschlissen waren.
Das neue Paar gefiel Herrn Drachau ausnehmend gut, denn die Handschuhe waren äußerst praktisch: Jeder war umhüllt von einer Art Müffchen, also einem fingerlosen Handschuh. Man konnte die Müffchen zusätzlich über die Handschuhe ziehen, das wärmte die Hände noch besser. Oder man zog nur die Müffchen an und hatte dadurch die Finger frei, um dies und das mit mehr Gefühl in den Fingern fassen zu können.
Die neuen Handschuhe waren zwar ziemlich teuer, aber Herr Drachau gab das Geld für wirklich Praktisches und Nützliches gern aus. Als er an der Kasse bezahlte und die Handschuhe in seine Tasche steckte, bemerkte er verwundert, dass beide offensichtlich auseinanderstrebten. Noch waren sie aber mit einem Etikett untrennbar verbunden.
Zu Hause trennte Herr Drachau die Handschuhe und legte sie auf der Konsole seiner Garderobe bereit. Sofort schienen sie sich voneinander zu entfernen, anscheinend mochten sie sich nicht besonders. Der eine fiel sogar auf den Boden.
"Handschuhe gehören immer paarweise zusammen, sonst sind sie wertlos", murmelte Herr Drachau und legte die beiden mit Nachdruck wieder nebeneinander auf die Ablage.

Bei den ersten Winterspaziergängen bewährten sich die neuen Handschuhe bestens, und Herr Drachau war sehr zufrieden mit seinem Kauf.

Am Sonnabend vor Weihnachten begab sich Herr Drachau in das nahegelegene Einkaufszentrum, um noch einige Besorgungen in Apotheke, Post und Kaufhalle zu machen.
Wieder zu Hause angekommen, packte er die Einkäufe aus. Am Boden seines Korbes lag der rechte Handschuh.
Aber wo war der linke Handschuh abgeblieben?
Herr Drachau war sich sicher, dass er beide am Beginn seines Einkaufs angehabt hatte.
Er überlegte: "Wo war ich zuerst? In der Apotheke! Dort muss ich wohl die Handschuhe ausgezogen haben, als ich bezahlte. Ich habe sie in den Korb gelegt. Danach war ich am Spezialitätenstand, dann auf der Post und schließlich in der Kaufhalle. Vielleicht ist der Handschuh heruntergefallen, als ich meine Geldbörse aus der Taschen nahm oder meinen Einkaufsbeutel aus dem Korb holte?"
Herr Drachau wurde nervös. Er suchte nochmals im Einkaufskorb, inspizierte seine Jackentaschen, drehte den Einkaufsbeutel wieder und wieder um - alles vergeblich, der Handschuh war und blieb verschwunden.
"Wie ärgerlich", dachte Herr Drachau, "die Handschuhe waren noch ganz neu und ziemlich teuer. Ich hätte wahrlich besser aufpassen sollen!"

Die beiden Handschuhe hatten sich von Anfang an nie sonderlich gut vertragen, das hatte Herr Drachau richtig beobachtet. Der rechte Handschuh brüstete sich gegenüber dem linken:
"Ich bin viel wichtiger als du, denn die rechte Hand hat am meisten zu tun!"
"Herr Drachau zieht immer mich zuerst an, also bin ich wichtiger", wandte der linke Handschuh ein.
"Das macht er deshalb, weil er dazu seine unbekleidete rechte Hand braucht, denn du stellst dich so störrisch an!", konterte der rechte.
"Unverschämtheit! Ich lasse mich ganz leicht anziehen!", empörte sich der linke.
Und so stritten sie noch ein Weilchen, bis der linke Handschuh des Streites überdrüssig wurde. Er hatte einen Entschluss gefasst und dachte bei sich:
"Bei der nächstbesten Gelegenheit werde ich Herrn Drachau entwischen und fortan meiner eigenen Wege gehen!"

Gesagt, getan. Als Herr Drachau bei seinem Einkauf in der Apotheke die Handschuhe auszog um zu bezahlen, entglitt ihm der linke Handschuh unbemerkt und versteckte sich auf der Taschenablage des Apothekentresens. Herr Drachau verließ ahnungslos ohne ihn die Apotheke.

Der Handschuh atmete auf und schaute sich neugierig um. Er betrachtete all die Regale mit den vielen bunten Schachteln, Tuben und Dosen und lauschte interessiert den Gesprächen der Kunden mit der Apothekerin. Was es da alles zu erfahren gab! Welches Mittel hilft am besten bei einer drohenden Erkältung, Verstopfung, Durchfall, Haarausfall oder Hautjucken? Sollte man regelmäßig zusätzlich Vitamine zu sich nehmen? Wie ist das mit dem Säure-Basen-Haushalt des menschlichen Körpers? Der Handschuh hörte fasziniert zu und die Zeit verging wie im Fluge.

Plötzlich stand Herr Drachau wieder in der Tür und fragte die Apothekerin:
"Ich vermisse einen meiner Handschuhe. Ist er vielleicht bei Ihnen abgegeben worden?"
Die Apothekerin verneinte: "Leider nicht!" und Herr Drachau verließ sehr enttäuscht den Raum, war er doch extra wegen dieses Handschuhs noch einmal in das Einkaufszentrum zurückgekehrt.

Kurz nach eins schloss die Apotheke an diesem Tag. Die Apothekerin machte noch einen Rundgang, ordnete dies und das und polierte den Apothekentresen. Dabei entdeckte sie den Handschuh.
"Oh, da ist ja der Handschuh, den der freundliche ältere Herr suchte!"
Sie legte den Handschuh in das Büro und dachte:
"Bestimmt wird der Mann bald wieder vorbeikommen, dann wird er sich freuen, dass ich seinen Handschuh gefunden habe."
Sie löschte das Licht, schloss die Apotheke zu und ging nach Hause.

Da lag er nun, der linke Handschuh, und träumte ein bisschen vor sich hin. Es war duster, kein Mensch ließ sich blicken und dem Handschuh wurde langweilig.
"Hier kann ich nichts erleben, niemand kümmert sich um mich, keiner trägt mich herum", dachte er.
Jetzt wäre er viel lieber mit Dixi und Herrn Drachau am Fluss spazieren gegangen.
"Was, wenn Herr Drachau die Suche nach mir aufgegeben hat? Er wird bestimmte nicht noch einmal nach mir fragen!", grübelte er und Panik kroch in ihm hoch. "Wenn er mich nicht abholt, dann wird man mich eines Tages wegwerfen, denn ein einzelner Handschuh ist völlig nutzlos!". Der Handschuh weinte leise vor sich hin bis er schließlich einnickte.

Und der rechte Handschuh? Erging es ihm besser? Keineswegs! Seine Freude darüber, den zickigen linken Handschuh los zu sein, erlosch schlagartig, als er dem Disput zwischen Dixi und Herrn Drachau lauschte:
"Ich habe überall nach dem Handschuh gefragt und gesucht, aber vergebens. Wenn die Feiertage vorüber sind, muss ich mir neue Handschuhe kaufen."
"Kaufe doch die gleiche Sorte", meinte Dixi, "dann hast du einen Reservehandschuh, falls du wieder einen verlierst!"
"Na gut, aber was nützt es, wenn ich wieder den linken Handschuh verliere? Handschuhe sind keine Socken, die man rechts oder links anziehen kann. Ich werde den rechten Handschuh wegwerfen müssen, wenn ich den linken nicht wiederfinde!"
Der rechte Handschuh war entsetzt! Er sollte weggeworfen werden! Oh, wie hoffte er, dass Herr Drachau doch noch einmal nach dem Handschuh suchen würde!
Dixi machte Herrn Drachau einen Vorschlag:
"Am Weihnachtstag gehst du doch ohnehin noch einmal in das Einkaufszentrum. Da werde ich mitkommen und mit meiner Spürnase nach dem Handschuh schnuppern. Ich finde ihn bestimmt!"
"Danke für dein Hilfsangebot, aber du darfst nicht in die Geschäfte hinein, Hunde sind dort unerwünscht. Doch vielleicht hast du recht, ich werde am Montag noch einmal überall suchen und fragen."
Der rechte Handschuh lag still und traurig auf der Garderobe. Wie sehr hoffte er auf den Montag und dass Herr Drachau den linken Handschuh finden würde! Er drückte ganz, ganz fest seinen Daumen.

Am Weihnachtstag machte sich Herr Drachau auf den Weg, um Gans und Karpfen zu holen. Auch hatte er Hoffnung, seinen verlorenen Handschuh vielleicht doch noch zu finden.
So begab er sich zuerst in die Apotheke.
"Sagen Sie, wurde inzwischen ein Handschuh abgegeben? Hier, zu diesem passend?", er hielt den rechten Handschuh hoch.
"Ja, tatsächlich!", rief die Apothekerin erfreut, "Ich hole ihn gleich!"
Sie ging in das Büro und kehrte mit dem Handschuh zurück.
Oh, wie freute sich Herr Drachau! Er bedankte sich, steckte beide Handschuhe tief in seine Tasche und zog den Reißverschluss sorgfältig zu.
"Ich muss in Zukunft besser auf die beiden aufpassen!", nahm er sich vor und ging fröhlich seiner Wege. Jetzt konnte Weihnachten kommen.

Die Handschuh schmiegten sich eng aneinander, herzten und umarmten sich.
"Endlich sind wir wieder beieinander, wie schön! Wir werden uns ganz, ganz bestimmt nie wieder streiten!"
Ob sie diesen Vorsatz einhalten werden? Na, zumindest bis Silvester ...

Herbert Drachau